Einsames Graubünden

Von Pass zu Pass in den Schweizer Gletscherwelten

Erwartungsvoll und in bester Verfassung starteten wir am Sonntag, den 9. August 2015 von Bivio am Fuße des Julierpasses zur ersten Tagesetappe auf unserer 7-tägigen alpinen Bergwanderung durchs einsame Engadin. Wir, das sind Peter, Dietmar, Ursula und ich, vier begeisterte Freunde des alpinen Bergwanderns und unser Wanderleiter Willi Kempf. Unsere Anreise startete vom Dallenbergparkplatz in Würzburg um 7.00 Uhr, so dass wir um 13.00 Uhr in Bivio auf 1769 m Höhe ankamen. Bei strahlendem Wetter und angenehmen 25 Grad ging es steil bergauf über weitläufige, baumlose Almwiesen zum Stallerberg auf 2579 m Höhe. Da wir auf unserer Wochentour täglich den Übernachtungsort wechselten, hatte jeder ca. 8-9 kg Gepäck dabei.

Dies machte sich beim ersten steilen Anstieg in Form von ersten Schweißperlen auf unseren Gesichtern bemerkbar. Das Landschaftsbild ist geprägt von grauen Granitbergen im Hintergrund und menschenleeren Grünflächen, die sich weit an den Hängen hinaufziehen. Hin und wieder begegneten uns mehrere Grüppchen von Kühen, die sich über ein wenig Abwechslung freuten und vielleicht einen Kanten Brot von uns Wanderern erwarteten. Nach einer kleinen Verfolgungsjagd gelang es Ursula und mir schließlich mit vereintem Mut die Tiere von ihrem Unterfangen abzuhalten. Hin und wieder bot sich die Gelegenheit sich dem Fotografieren der bescheidenen aber intensiv leuchtenden Alpenflora zu widmen. So war in diesen Höhen häufig der blaue Eisenhut, die Flockenblume und verschiedenen Enizianarten anzutreffen. 

Am späten Nachmittag erreichten wir Juf, mit 2126 m der höchstgelegene dauerbesiedelte Ort Europas. Hier erwartete uns in der Pension Edelweiß eine leckere Gerstensuppe, die wir uns nach der ersten überstandenen Wanderetappe besonders gut schmecken ließen. Nach dem Abendessen weihte uns Willi in seine weitere Tourenplanung ein. Jeder von uns bekam eine genaue Tourbeschreibung und wurde als Tagesguide eingeteilt. So fiel die Entscheidung für unsere zweite Etappe auf mich. Als Neueinsteigerin in Sachen Hüttentouren nahm ich die Herausforderung bereitwillig an und  lotste die Gruppe am frühen Morgen zügig durch das Tal des Juferrheins aufwärts. In Serpentinen  auf die Forcellina in 2672 m und wieder leicht bergab zum Septimerpass, einer alten Handelsverbindung aus der Römerzeit auf 2310 m Höhe. Unterwegs machten wir Bekanntschaft mit mehreren Alpensalamandern, die sich auf unserem Weg tummelten. Aufgeweckte Murmeltiere meldeten uns durch schrilles Pfeifen um sich gegenseitig von unserer Anwesenheit zu warnen und wie der Blitz zu verschwinden sobald wir näher kamen. 

Nach Erreichen des Lunghinpasses auf 2645 m der wegen seiner geographischen Bedeutung als Schnittpunkt von drei kontinentalen Wasserscheiden bekannt ist, ging es nun bergab zum eisblauen, glasklaren Lunghinsee. Hier befindet sich der Ursprung des Inn. Von nun an hieß es „Stockeinsatz“ für den steilen Panorama-Abstieg nach Maloja, das wir am Abend erreichten. Hier hatte Willi uns ein besonders schönes Domizil reserviert. Die Villa La Rosée wurde 1885 von einer Gräfin aus Mannheim als Feriendomizil im Stil des „Fin de siècle“ erbaut. Die Zimmer sind sehr stilvoll mit überwiegend originalen Möbeln aus der Jahrhundertwende ausgestattet. Ursula und ich bezogen begeistert die Suite und genossen die Atmosphäre vergangener Zeiten, die dieses Schweizer Chalet ausstrahlte. Am nächsten Tag war Ursula unser Tagesguide. Vom schön gelegenenMaloja 1815 m führte sie uns nach Süden ins Fornotalal. Nach einer guten Stunde erreichten wir den wildromantischen Cavlocsee mit der Alp Cavloc die mit ihrer Ziegenwirtschaft einen tagesfrischen herzhaften Käse herstellt. Stetig führte uns der Weg bergauf und die Natur wurde immer karger bis wir schließlich die Vegetationszone verließen und nur noch auf grauem, großen Blockwerk entlangbalancierten. Dann kam der Fornogletscher in Sicht. Eine beeindruckende, kilometerlange Eiszunge, die durch hohe Moränenhänge deutliche Spuren des Rückganges zeigt. Nach er Überquerung des Schmelzflusses Orlenga ging es in steilen Serpentinen und teilweise ausgesetzt hinauf zur Fonohütte. Ab hier betraten wir die blau-weiß markierte Wanderreoute, die auf alpines Bergsteigen hinwies und teilweise den Einsatz der Hände erforderte. 

Die Unerfahrenen unter uns mussten nun diese Herausforderung annehmen und wurden von Willi mit Geduld und Einfühlungsvermögen motiviert. Schließlich war die Fornohütte auf 2574 m erreicht. Dort stand uns ein separater Schlafraum alleine zur Verfügung. Nach dem Abendessen genossen wir den gigantischen Ausblick auf den Fornogletscher und die talabschließende Torronegruppe mit ihren Dreitausendern und der markanten Felsnadel  „Kleopatra“. Auf der anderen Talseite konnte man schon unsere Route des nächsten Tages zum Casnilepass erkennen. Aus unserem Blickfeld hochalpin, sehr steil und weglos. So stellten wir uns am nächsten Morgen auf diese Herausforderung ein. Peter war unser Guide. Bei der Überquerung des Gletschers war unser Gleichgewichtssinn gefordert. Die Oberfläche war zum Teil spiegelglatt. Die auf dem Gletscher liegenden Steine halfen uns Halt zu finden. Bei der Passage konnte man an einigen Stellen tiefe Löcher oder Spalten erkennen aus denen das Rauschen mächtiger Wasserströme zu vernehmen war. Nun ging es „ans Eingemachte“. Der sehr steile Anstieg über Blockgelände und grobes Geröll, der mit einem Seil gesichert war, musste bezwungen werden. Die Felsen waren griffig und meist stabil, so dass wir auch diese Schwierigkeit, mit Konzentration und Aufmerksamkeit zur Vermeidung von 

Steinschlag, meisterten. Gegen Mittag erreichten wir den Casnilepass auf 2941 m. Von hier aus hatten wir unser Tagesziel, die Albignahütte immer im Blick, die wir am späten Nachmittag erreichten. Die Seilbahnverbindung vom Talort Pranzaira, aus der Zeit des Staumauerbaues, verkürzt den Aufstieg der Kletterer zur Hütte , als Stützpunkt im Albignagebiet. Ein Klettereldorado mit spektakulären Routen in bestem Granit, die an der kühnen Fiamma oder einer anderen der ca 100 Routen jedes Kletterherz höher schlagen lässt. So herrschten am Abend auf der Hütte fachliche Diskussionen, reges Treiben und eine gute Stimmung. An unserem fünften Tag wartete die Überschreitung des Cacciabellapasses auf uns. Gut gestärkt mit Schweizer Birchermüsli übernahm Willi heute die Führung. Wir befanden uns weiterhin im hochalpinen Bereich, immer mehrere Gletscher und den Albignastausee im Blick. Bis zur Schlüsselstelle  ging es gleichmäßig und moderat bergauf. Nun kam die eigentliche Herausforderung  der heutigen Königsetappe. An Kletten- und Seilsicherungen und über mehrere Leitern ging es meist recht ausgesetzt im Klettersteigcharakter durch eine Rinne hinunter und über Geröll und Rasenhänge bis zur Sciorahütte auf 2120 m. Diesmal kamen wir schon am frühen Nachmittan an und konnten die Ruhe und den großartigen Blick auf Piz Cengalo, Piz Badlie und die Scioragruppe genießen. 

Im Dezember 2011 ereignete sich am Piz Cengalo ein gewaltiger Bergsturz, wo ein Teil des Berges, rund 2 Millionen kbm Felsmasse, herabstürzen und von einem folgenden Unwetter haushohe Felsbrocken bis kurz vor den Bergeller Talor Bondo spülten. Spätestens ab jetzt wurde man sich der GEfahr des schleichenden Permafrostes bewusst. Ehrfurchtsvoll bestaunen wir die heute noch erkennbare Stelle und die darunter befindliche Schutthalde. Unser abendlicher Hüttenschmaus bestand diesmal aus einer leckeren Polenta mit Kräutern und Käse und einem saftigen Stück Schweinebraten. In geselliger Runde mit Schweizer Wanderern ließen wir es uns schmecken und stiießen auf unsere erfolgreiche Passüberquerung an. Da in der Sciorahütte wenig los war, konnten wir wieder einen Gemeinschaftsraum für uns alleine beziehen. Nach einer

erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns an den Abstieg ins Bergelltal. Unser Ziel war Bondo und Castasegna, der Grenzort nach Italien. Da es hinunter deutlich schneller ging als hinauf, waren wir schon am Nachmittag im Tal und statteten dem italienischen Städtchen  Chiavenna noch einen Besuch ab. Dort belohnten wir uns für die bestandenen Herausforderungen dieser Tour mit einem erfrischenden Eisbecher. Am Abend wurden wir in Hotel zur Post in Castasegna von der Hausherrin persönlich mit einem köstlichen Menü verwöhnt. Extra für uns bereitete sie typische Speisen der Gegend zu. Dazu gehörte: gemischter Wildkräutersalat,  mit Wild gefüllte Ravioli und Nudeln aus Kastanienmehl, Carpaccio mit Rucola und Parmesan, Obstsalat. Der siebte Tag war etwas für Genusswanderer. Dietmar unser Tagesguide fürhte uns auf dem "Sentiero Panoramico" von Castasegna durch den Edelkastanienwald mit seinen riesigen Maronenbäumen und verwunschenen allten Hütten hinau nach Soglio, das als eines der schönsten Bergdörfer in den Alpen gilt. Immer weiter bergauf, bergab, vorbei an stiebenden Wasserfällen und über rauschende Bäche. Immer wieder mit schönen Aublicken hinunter ins Bergelltal und hinau in die Bergeller Granitwelt, die wir inden vergangenen Tagen durchwanderten, bis nach Vicosoprano. Die Wolken schwebsten zum Teil neben uns und legten sich tief in das Tal. Die Woche über hatte das Wetter gut mitgespielt und uns erst zu Schluss ein wenig Regen geschickt. Der Postbus brachte und wieder nach Bivio zurück. Auf der Fahrt konnte man die 

Wanderetappen nochmal Revue passieren lassen. Es war eine Woche mit vielen grandiosen Landschaften, intensiven körperlichen Erfahrungen und eine Auszeit in einer archaischen, naturbelassenen Welt. 

 

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Willi, unserem Wanderführer und Reiseleiter, der Planung und Durchführung der gesamten Reise sorgfältigst vorbereitet hatte. Auch für Abweichungen von der geplanten Tour hatte er sofort ein Alternativprogramm  parat. Mit viel Einfühlungsvermögen, Geduld und Ruhe vermittelte er uns die nötige Sicherheit und Zuversicht, die man bei derartigen alpinen Touren benötigt.

 

 Anja Lindner


 

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